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„Nichtstun geht auch nicht“ – Frieden beginnt im Kleinen

Mo., 12. Oktober 2026

„Nichtstun geht auch nicht“ – Frieden beginnt im Kleinen

Vortrag und Gespräch mit Dr. Michaela Fried im Bildungszentrum St. Benedikt in Seitenstetten

Am 8. Oktober 2026 lud das Bildungszentrum St. Benedikt zu einem Vortrag mit anschließendem Gespräch unter dem Titel „Nichtstun geht auch nicht“ ein. Dr. Michaela Fried, Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Gründungsmitglied der in Seitenstetten entstandenen NGO bridges for Hope and peace, berichtete von ihren Erfahrungen in Krisen- und Kriegsgebieten und zeigte eindrucksvoll am Beispiel Kongo auf, wie Friedensarbeit auch unter schwierigsten Bedingungen möglich ist.

Michaela Fried engagiert sich seit Jahren für Menschen, die von Krieg, Flucht und Gewalt traumatisiert sind. Bei zahlreichen Freiwilligeneinsätzen auf der griechischen Insel Lesbos, zehn Aufenthalten im Gazastreifen sowie in Zusammenarbeit mit Ärzte ohne Grenzen im Südsudan konnte sie Menschen in extrem belastenden Lebenssituationen begleiten und unterstützen.

Auch für das Jahr 2027 war ein Einsatz in der Demokratischen Republik Kongo geplant. Dort wollte sie und der Obmann Martin Fellacher erneut traumatisierten Menschen helfen und Friedensarbeit unterstützen. Doch Rebellenangriffe, die Ebola-Situation und die unsichere Lage vor Ort machten die Reise zu gefährlich – sowohl für die Helfenden als auch für die Menschen, mit denen sie arbeiten wollten.

Helfen, auch wenn man nicht vor Ort sein kann

Aufgeben war für Michaela Fried dennoch keine Option. Statt selbst in den Kongo zu reisen, unterstützt sie die Friedensarbeit von zu Hause aus. Dabei begleitet sie insbesondere Rachel und Samuel, die vor Ort mit Familien arbeiten und ihnen Wege aus Gewalt und Konflikten aufzeigen.

Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt darin, Menschen zu Mediatorinnen und Mediatoren auszubilden. Diese können in ihren Dörfern bei Konflikten vermitteln und Familien dabei helfen, gewaltfreie Lösungen zu finden. Zugleich setzen sie sich gegen den Missbrauch von Mädchen und Frauen sowie gegen Gewalt an Müttern ein.

Dabei stellte Michaela Fried eine zentrale Frage in den Mittelpunkt: „Wie kann ich handelnd bleiben in einer Situation, die ich nicht ändern kann?“

Viele Menschen sind aus Ruanda in den Kongo geflohen und haben dabei ungelöste Konflikte und traumatische Erfahrungen mitgenommen. Den Krieg und die politischen Machtkämpfe können sie nicht einfach beenden. Doch sie können versuchen, dort etwas zu verändern, wo sie unmittelbar Einfluss haben: in ihren Familien, in ihren Beziehungen und in ihren Dörfern. Friedensarbeit beginnt im Kleinen – etwa dann, wenn es gelingt, Gewalt innerhalb einer Familie zu stoppen und neue Formen des Miteinanders zu ermöglichen.

Frieden beginnt dort, wo umarmt wird

Besonders berührend war die Erkenntnis, dass Frieden nicht immer mit großen politischen Entscheidungen beginnt. „Frieden beginnt dort, wo umarmt wird“, machte Michaela Fried deutlich. Wo Menschen einander wieder zuhören, Nähe zulassen und Vertrauen aufbauen, werden sie Schritt für Schritt wieder handlungsfähig.

Die Familien, die sich gegen Gewalt und für ein friedliches Zusammenleben einsetzen, werden so zu Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfern gegen Gewalt. Sie können die großen Konflikte vielleicht nicht unmittelbar beeinflussen, aber sie können verhindern, dass Gewalt von einer Generation an die nächste weitergegeben wird.

Auch scheinbar einfache Dinge können dabei eine wichtige Rolle spielen. Wenn Kinder und Jugendliche gemeinsam Fußball spielen, erleben sie Gemeinschaft und dürfen für einen Moment ihre Sorgen vergessen. Solche Augenblicke schaffen Freiräume, stärken die Widerstandskraft – Resilienz – und geben Hoffnung. Auch das, so Fried, ist Friedensarbeit.

Ein reiches Land und dennoch große Armut

Die Situation im Kongo zeigt zugleich, wie eng Armut, Macht und Gewalt miteinander verbunden sind. Das Land verfügt über enorme Bodenschätze, darunter Gold, Kupfer, Kobalt und Coltan. Dennoch leben viele Menschen in großer Armut. Jahrzehntelange Konflikte, Kriege und Machtkämpfe verhindern, dass dieser Reichtum allen Menschen zugutekommt.

Umso wichtiger ist es, Familien und Gemeinschaften zu stärken. Zuhören, Traumaarbeit und die Vermittlung von Methoden der sogenannten Neuen Autorität sind wesentliche Bausteine dieser Unterstützung. Es geht darum, Menschen Sicherheit zu geben, Beziehungen zu festigen und ihnen zu zeigen, dass sie selbst etwas bewirken können.

„Wir müssen Sinn geben“, betonte Michaela Fried. Gerade in Situationen, die ausweglos erscheinen, brauchen Menschen Perspektiven, Halt und die Erfahrung, nicht allein zu sein. Sinn entsteht dort, wo Menschen füreinander da sind und gemeinsam nach Möglichkeiten suchen, das Leben ein Stück besser zu machen.

Hoffnung durch konkretes Handeln

Mit ihren Vorträgen möchte Michaela Fried nicht nur informieren und zum Nachdenken anregen, sondern auch Spenden für die Friedens- und Familienarbeit im Kongo sammeln. Denn die Arbeit vor Ort braucht Unterstützung, damit Menschen ausgebildet, Familien begleitet und gewaltfreie Wege des Zusammenlebens gestärkt werden können.

Auch der Arbeitskreis Familie aktiv der Pfarre Seitenstetten stellt für dieses wichtige Anliegen einen großen Betrag zur Verfügung.

Der Abend im Bildungszentrum St. Benedikt machte deutlich: Nicht jede Krise lässt sich unmittelbar lösen, und nicht jedes Leid kann verhindert werden. Doch Untätigkeit ist keine Antwort. Wer zuhört, Menschen begleitet, Beziehungen stärkt und im eigenen Umfeld gegen Gewalt aufsteht, leistet einen wertvollen Beitrag zum Frieden.

Nichtstun geht auch nicht – denn Frieden beginnt im Kleinen und wächst dort, wo Menschen trotz aller Schwierigkeiten Verantwortung füreinander übernehmen.